Donnerstag, 14. September 2017

Das Mädchen

Das Mädchen sitzt auf dem Boden und weint. Ich nehme die Kopfhörerstöpsel aus dem Ohr, beuge mich runter. Ist alles in Ordnung?, frage ich. Ich kann nicht laufen, sagt sie. Doch, bestimmt kannst du das, sage ich. Nimm mal meine Hand. Ich reiche sie ihr. Sie nimmt sie. Und rappelt sich auf. Meine Hand ist ganz dreckig, sagt sie. Das ist nicht schlimm, sage ich. Wir gehen nebeneinander her, in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Aber kalt ist deine Hand, sage ich. Ein paar Meter weiter steht ein Mann, der uns entgegenlächelt. Gehört ihr zusammen?, frage ich. Ja, sagt er. Ja ne, sage ich, es soll so klingen wie: Sieht man auch. Da hat das Mädchen meine Hand schon losgelassen. Und ich wende mich ab und geh weiter meines Wegs. Mit den Stöpseln wieder im Ohr. Und ein bisschen Herzklopfen. Hätte ja sein können, das Mädchen fängt noch doller an zu weinen, wenn ich es anspreche. Hätt ja sein können, der Mann und das Mädchen, Vater und Tochter, haben da gerade einen Konflikt zu klären, in den sich niemand einmischen soll. Eine Sache, die nur die beiden etwas angeht. Aber mir ist der Blogeintrag von aufZehenspitzen so in Erinnerung geblieben. „Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern“, hat sie da geschrieben. „Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte?“ Ignorant, unlustig, unwissend, das bin ich alles schon längst nicht mehr. Und ja, auch der Spruch von dem Dorf, das man braucht, um ein Kind und so weiter, fällt mir ein. Und Berlin, Berlin ist ja im Grunde auch nur ein Dorf, denke ich.

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