Sonntag, 15. Januar 2017

15 Tage 2017

„Wir haben die Wohnung gekauft“, sagt M., als ich gerade nur dezent nachgefragt habe, wie sie eigentlich an die Wohnung gekommen seien, ob auf dem freien Markt oder über Beziehungen … Achso.
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Später landen wir in einer Neuköllner Bar, in der Austern auf der Karte stehen. Früher, erzählt F., war das mal eine dieser typischen Eckkneipen, seine Freundin und er haben da mal Darts gespielt. „Ich hätt gerne den günstigsten Weißwein“, sage ich zu der Bedienung, um mich aktiv von dem Ambiente abzugrenzen. „Das ist ein weißer Burgunder“, sagt sie beim Einschenken.
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Am Mittwochabend kommt J. nicht zur Probe, wegen der Unwetterwarnung, schreibt sie. Unwetterwarnung? Davon haben wir gar nichts gehört, malen uns aber kurz aus, wie wir später wieder vor die Tür treten werden und es stürmt und schneit und hagelt und blitzt und donnert, so wie wir es alle noch nie erlebt haben werden.
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Vor dem Burgerladen an der Ecke baut der Typ, der dort immer den Kaffee kocht, einen Schneemann, wirklich mannsgroß, sein Gesicht ist menschlich geformt mit großer Nase, auf der eine Sonnenbrille sitzt.
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Es gibt Menschen, die so eine grundsätzliche Gekränktheit ausstrahlen, dass man zunächst denkt, man hätte ihnen etwas zuleide getan – obwohl man weiß, dass das nicht der Fall ist. Es dauert ein Weilchen, bis man versteht, dass diese Gekränktheit sich nicht auf einen bestimmten Menschen bezieht oder einen bestimmten Vorfall, sondern auf das Leben selbst, das einfach eine Enttäuschung ist und das niemals auch nur eins seiner Versprechen hält.
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Zum Schluss noch dies, eins dieser Facebook-Spielchen:
Also: „Ich komme dann schon, wenn es so weit ist.“ (Michael Ballhaus: Bilder im Kopf.) Hrr hrr hrr.   

Sonntag, 8. Januar 2017

7 Tage 2017

Es kann doch nicht so schwer sein, hier mal wieder etwas reinzuschreiben. Vielleicht wöchentlich oder so?, vielleicht sollte ich wirklich einen festen Termin dafür festmachen, es muss ja nichts großes sein, Alltagsbeobachtungen reichen. Babysteps. Überhaupt erst mal wieder reinkommen ins Schreiben für den Blog.
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Zu Beginn des Jahres bin ich zur Abwechslung mit einem Job beschäftigt, bei dem ich unter Festanstellungs-Bedingungen jeden Tag den ganzen Tag mit den gleichen Leuten in einem Raum sitze und arbeite, oder, wenn es gerade keine Arbeit gibt, so tue als ob. Sehr schön zu beobachten auch hier mal wieder der Unterschied zwischen dem Kollegen, der reinkommt und seine Ansichten zur Lage der Nation verkündet, als hätten wir alle nur darauf gewartet, und den beiden Kolleginnen, die gemeinsam beratschlagen, ob die jetzt gleich zu versendende E-Mail vielleicht doch nicht freundlich genug formuliert ist. Derweil vor den Riesenfenstern das große Wetterpanorama: Der Regen peitscht, die Sonnen strahlt, die Schneeflocken taumeln hilflos zu Boden.
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Lage der Nation, so heißt übrigens auch ein Podcast, den ich seit ein paar Wochen trotz gelegentlichem Zwei-Klugscheißer-unterhalten-sich-Nervfaktor ganz gerne höre, wie überhaupt mein Podcast-Konsum gestiegen ist. Sehr gerne mochte ich die Doku-Serie „Der Anhalter“, sehr viel gelacht habe ich schon über „My Dad Wrote A Porno“.
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Gestern im Asia-Laden gleichzeitig genervt und gerührt gewesen von einem mittelalten Paar, das umständlich die Zutaten für das, wie ich mir vorstellte, am Abend gemeinsam zu kochende Essen zusammen suchte. „Schau mal, das hier müsste doch Koriander sein, oder?“ – „Ich glaube, wegen der Fischsauce müssen wir jetzt mal die Dame an der Kasse fragen.“ Es schien, als würden sie sich noch nicht lange kennen – so behutsam, wie sie miteinander umgingen. Frage, warum der Pärchenprogrammpunkt „Gemeinsam kochen“ Instant-Aggressionen bei mir auslöst. Wahrscheinlich, weil ich das mit P. damals regelmäßig veranstaltet habe und wir regelmäßig an den dabei zu umschiffenden Klippen (Wer hat in der Küche das Sagen? Und sollte Kochen nicht eigentlich etwas sein, das einen sagenhaft entspannt?) zerschellt sind. Klingt jetzt dramatischer, als es war, aber seitdem steht für mich fest, dass sich kochtechnisch alle anderen sich knallhart mir unterzuordnen, d.h. erst dann zu erscheinen haben, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Weswegen ich im Asialaden war, übrigens: Sesamöl. Oh Sesamöl aus gerösteten Sesamsamen, Licht meiner Augen, Liebe meines Lebens.
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Ich finde Agnes Obel toll. fantastisch.

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Und Jill Soloway auch.
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Und zuletzt noch ein Link aus meiner etwas angestaubten Linkliste für den Blog: Neukölln in den 2000ern und 2016. Seufz!  

Freitag, 2. September 2016

Ich gehe die Straße herunter,

unten an der Ecke ist eine Säuferkneipe, wie ich sie innerlich immer nenne, beim Aufschreiben fällt mir auf, wie abfällig das klingt, dabei habe ich eigentlich eine Sympathie für diese in Berlin, wie es scheint, oder zumindest in meinem Kiez immer seltener werdenden Lokale, in denen die Männer schon mittags vor ihren Bieren sitzen, oft auch Frauen, Frauen jedenfalls immer hinter der Theke, herzliche, raue, unendlich patente Frauen.
Ich gehe also die Straße herunter, und unten an der Ecke, an einem der Tische sitzt schon ein Mann, der mir entgegen schaut, völlig unauffällig sowohl seine Erscheinung als auch sein Schauen, er sieht eben einfach nur, dass ich die Straße runter gehe, so wie ich ihn da sitzen sehe, nichts weiter. Und just in dem Moment, als ich an ihm vorbeigehe, kommt die Thekenfrau raus und bringt dem Mann sein Bier, n einsames Eckchen haste dir hier ja ausgesucht, sagt sie, stellt ihm sein Bier hin, und er sagt: Joah, so ein leicht verlegenes Joah, und er sagt: Danke, so ein freundliches kurzes Danke, und nimmt, während sich die Frau schon wieder abwendet und einen routinierten Raucherhusten ausstoßend zurück in die Säuferkneipe geht, seinen ersten Schluck Bier.
Und zehn vor zwei, ich bin auf dem Weg in die Pause, bin mit G. verabredet, und auf dem ganzen Weg zu G., dem ich als erstes natürlich von dem Mann erzähle, rede ich mir innerlich gut zu: Das war nicht schlimm. Das war überhaupt nicht schlimm. Der Mann da, der ist auch Teil einer sozialen Gemeinschaft, die Thekenfrau kennt ihn, andere Gäste kennen ihn sicher auch, und was weiß ich denn, wer ihn sonst noch kennt und mag und liebt vielleicht, und was ist schon dabei, sich um zehn vor zwei wo hinzusetzen und einen ersten Schluck Bier zu trinken und friedlich ein bisschen in der Gegend herum zu gucken, ist doch jedenfalls nicht schlimm.
Nicht weiter schlimm.

Mittwoch, 31. August 2016

Loch im Kopp

Hör auf, du machst der noch n Loch im Kopp!, hörte ich eine Mutter eben zu ihrem Sohn sagen, und schon als Kind muss ich diesen Spruch gehört haben, nicht nur einmal, öfters, auch wenn ich nicht mehr weiß, von wem. Aber ganz deutlich erinnere ich mich plötzlich an meine kindliche Vorstellung vom Loch im Kopf, kreisrund, nicht einmal besonders groß, dahinter ist es schwarz. Kein Blut gehört zu der Vorstellung, auch keine Schmerzen, das Loch im Kopf, in der glatten Schädelwand, etwa an der Schläfe, sieht eher aus wie das eines Nistkastens, passt ja auch, denke ich, wir haben schließlich alle einen Vogel.

Samstag, 28. Mai 2016

Viel Spaß, sagt der Kellner

, als er uns den Kuchen aufs Tischchen stellt, Cheesecake für S., Brownie für mich, wir sitzen draußen, es ist wärmer als ich dachte, ich ziehe meine Jacke aus und an dem Tag nicht wieder an. Wir sprechen über Medikamente in Einmaldosis, die uns, obwohl wir uns in verschiedenen Fällen schon von ihrer Wirksamkeit überzeugen konnten, verdächtig vorkommen, es sollten doch bitte immer drei Tabletten sein, sage ich, damit man das Gefühl hat, an drei Tagen aktiv was gegen seine Krankheit zu tun, es können ja Placebos dabei sein, wäre mir egal. Dann überlegen wir, wann wir uns das nächste Mal sehen, ob ich S. besuchen könnte, noch bevor sie im Juli wieder einmal herkommt, wir schauen auf den Platz vor uns, auf die Bäume Autos Fahrradfahrer und ich habe ein spezifisches Berlin-Gefühl, das mich inzwischen nur noch sehr selten überkommt, nämlich wenn ein Moment die Erinnerung daran weckt, wie ich es mir mal vorgestellt hatte, hier zu leben, in der schönen, schrecklichen Hauptstadt. Neben S. in einem Café zu sitzen und über dies und das zu reden, unaufgeregt, eine Insel der Vertrautheit in all der weitgehenden Anonymität, die Berlin einem schenkt, das trifft es schon relativ gut.
Viel Spaß damit, das hat der Typ im Handyladen eben gesagt, erzählt S., und der Kellner wünscht uns zum Abschied erneut: Viel Spaß noch, mit einem strahlenden Lächeln, das wir so aus Prinzip nicht erwidern, es ist ein Grad an Freundlichkeit, sage ich im Weitergehen, der schon wieder misstrauisch macht. Musst du zufällig zum Baumarkt?, fragt S., und ich sage: Ja, zufällig schon, tatsächlich will ich mir Holz zuschneiden lassen, um damit die Spüle zu verkleiden. Beim Zuschnitt muss man eine Nummer ziehen, ich habe die 68, angezeigt wird die 62, S. macht sich auf in die unendlichen Weiten zwischen den Regalreihen, um einen Schraubenzieher und Porzellankleber zu suchen, nach ein paar Minuten drückt mir ein Typ die 66 in die Hand, das dauert mir hier zu lange, sagt er, und als S. zurückkommt, beschließe ich, dass auch mir das zu lange dauert.
Und was machst du jetzt?, fragen wir uns, als wir wieder draußen stehen, ich weiß, dass meine Nachbarn heute im Hof grillen, aber habe ich da jetzt schon Lust drauf? Eigentlich nicht, eigentlich will ich lieber noch ein bisschen mit S. durch die Straßen gehen, in eine Boutique, vor deren Eingang aus Vintagekleidern zurechtgenähte Hipster-Kleider hängen („Los modernos“, sagte M. neulich zu ihrem Vater, um ihm das Wort Hipster zu übersetzen, und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, in Zukunft nur noch von „den Modernen“ zu sprechen). Wir schauen uns die Kleider erst genauer an, als wir den Laden nach einer kurzen Runde wieder verlassen haben, eigentlich ganz schön, sagt S., ja eigentlich, sage ich, und der Verkäufer, der sich von hinten an uns herangeschlichen hat, fragt: Wieso denn nur eigentlich?, er mustert uns und fragt: Mal im Ernst, warum solltet ihr nicht solche Kleider tragen?, was mir schmierig vorkommt, denn wenn er uns auch nur einmal kurz angeschaut hat, kann sich das unmöglich beziehen auf: ihr mit eurem Style, sondern bloß auf: ihr mit euren Körpern.
Aber sieh mal, sage ich im Weitergehen zu S., die Leute sehen viel mehr Potenzial in uns als wir selbst, die denken, wir könnten in Vintagekleidern durch die Welt tänzeln, die denken, wir würden viel Spaß haben. Ich könnte, sage ich dann, hier im Eisladen arbeiten, tatsächlich ist da ein Aushang, Aushilfe gesucht, und S. wirft mir erst einen Seitenblick zu, ob ich das wohl ernst meine, ich sage: Wo ich doch sonst grad nix mit mir anzufangen weiß, und sie sagt: Ja, warum nicht. Kurz stelle ich es mir sehr wunderbar vor, an Sommertagen hinter dem Tresen zu stehen und Hörnchen, Waffeln sagt man hier, mit Vanille, Pistazie, salzigem Karamell in die Hände anderer Menschen zu drücken, dann sind wir schon in der nächsten Boutique, wo ich mir neue Sandalen kaufe und S. sich ein Jäckchen, die beiden etwas verspulten Verkäuferinnen scheinen uns durchaus sympathisch zu finden, dabei hat S. vorhin noch erzählt, sie wäre in dem Laden früher auch schon mal schief angeschaut worden.
Aber inzwischen sind wir wahrscheinlich viel mehr so die Zielgruppe, sagt sie, als wir wieder draußen stehen, und ich sage: Klar, sowieso, wir sind jetzt Mitte dreißig, im besten Konsumentinnenalter, zumindest von außen betrachtet kein Vergleich zu den armen Studentinnen, die wir waren, als wir uns kennen gelernt haben vor zehn Jahren, neulich habe ich ein Foto gefunden von uns, von damals, wir waren Babys, sagte S., als ich es ihr zeigte, wir waren melancholische Babys, wir hatten ja keine Ahnung und wussten doch alles, alles so viel besser als heute. Zum Abschied umarmen wir uns, wir sagen: Bis bald, als wäre dieses Bald schon morgen oder übermorgen, und für eine Sekunde fällt es mir leicht zu vergessen, dass es so nicht ist.

Dienstag, 24. Mai 2016

Gelesen: Delisle, Klemm, Basener

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem
Graphic Novel. Der Comiczeichner Guy Delisle begleitet seine Frau, die bei „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet, nach Israel. Sie wohnen mit ihren Kindern in Ost-Jerusalem, und Guy begegnet der Stadt, dem Land mit einer sympathischen Unvoreingenommenheit, mit viel Unwissen und ohne große Erwartungshaltung. Er lässt sich überraschen und seine Leserinnen daran teilhaben: an einer samstäglichen Autofahrt durch Mea Shearim, an den betrunkenen Haredim zu Purim, an dem Leben der Siedler und Araber in Hebron und so weiter. Gerade diese Unvoreingenommenheit ist eine schöne, seltene Haltung einem Land gegenüber, über das, wie mir oft scheint, jeder eine Meinung hat; wie über kein anderes Land wird über Israel Bescheid gewusst und geurteilt. Sehr angenehm, wenn da mal jemand kommt und neugierig guckt und eventuell erst mal ein paar Skizzen machen will. Außerdem mochte ich, wie Guy Delisle sein Vater- und Hausmanndasein immer mal wieder thematisiert. Hier gibt es eine Leseprobe. 

Gertraud Klemm: Muttergehäuse
„Aberland“ mochte ich sehr, noch einmal auf das aktuelle Buch aufmerksam geworden bin ich durch ein Interview mit der Autorin, aus dem ich im Kopf behalten habe, dass man „Muttergehäuse“ nicht wie einen Roman lesen dürfe. Das Buch ist geprägt von einer radikal persönlichen Sicht, ausgehend vom Kinderwunsch der Erzählerin, der unerfüllt bleibt, bis sie und ihr Mann sich zur Adoption entschließen. Der Blick aufs Mutterdasein in all seiner klaustrophobischen Enge und Kontrolliertheit-durch-Gesellschaft ist dabei alles andere als romantisierend. Die Außenseiterposition der nichtleiblichen Mutter wird sehr eindringlich beschrieben, auf eine ruppige, auch mit sich selbst ruppige Art geht es einmal quer durch alle Gefühlslagen, aber die Schilderungen kommen niemals emotionalisierend daher. Es ist ein Buch, das zu sich selber spricht, ein Sich-über-sich-selbst-klarwerden, an dem die Leserin teilhaben kann, hier wird keine Geschichte erzählt, sondern man bekommt die Möglichkeit, an einer Gefühlsentwicklung teilzuhaben, und diese Erzählhaltung hat mir sehr gefallen. Leseprobe hier. 

Anna Basener: Heftromane schreiben und veröffentlichen
Man sollte sich von den selbstironischen Kapitelüberschriften („1. Warum? Mitreißende Einleitung über die Notwendigkeit dieses Buchs“) nicht täuschen lassen, es handelt sich um einen sehr ernst gemeinten und ernst zu nehmenden Ratgeber für alle, die gerne einen Heftroman schreiben wollen (und dazu zähle ich). Denn es gibt einiges zu beachten, wenn man die Dramaturgiefolge „Das Verlieben. Der Konflikt. Die Lösung. Das Happy End“ auf 90 Manuskriptseiten so umsetzen will, dass die Heftroman-Lektorin vor Freude in die Hände klatscht. Ob es mir gelingen wird?, fragte sich die Bloggerin bange. Zunächst mal muss ich wohl zu Recherchezwecken erst noch einige Heftromane lesen.