Dienstag, 19. September 2017

Was es geben müsste

Es müsste eine Hotline geben, wo Menschen anrufen könnten, die wichtige Telefonate zu tätigen haben, aber leider äußerst ungern telefonieren. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Hotline wären nett und verständig. Guten Tag, hier ist auch nur ein Mensch, was steht denn an? So würden sie jeden Anrufer und jede Anruferin begrüßen. Und dann könnte man erzählen: Ja also, ich muss jetzt gleich zuerst mal bei der Bahn anrufen, weil, mir ist meine Bahncard nicht zugestellt worden. Und ich bin mir ziemlich sicher, das liegt an der Post, deswegen muss ich als nächstes da anrufen und mich beschweren, dass der Postbote uns immer noch nicht all unsere Briefe bringt. Ich hab mich da schon mal beschwert, aber das hat nichts gebracht, also muss ich diesmal vielleicht deutlicher werden. Ja und dann muss ich bei der Firma anrufen, die neulich diese Stelle ausgeschrieben hat, ob meine Bewerbung überhaupt angekommen ist? Weil, ich hab gar nichts von denen gehört. Und kann ja sein, die haben auch nur Probleme mit der Post. An der Hotline könnte man so unordentlich reden, wie man will. Oder wahrscheinlich wie man gar nicht will, aber leider nicht besser kann. Aber man muss nicht immer alles besser können. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würden einen trotzdem verstehen. Sie würden fragen: Wollen wir die Gespräche mal durchspielen? Aber meistens wäre das gar nicht nötig. Man hätte ja nun bereits einmal telefoniert. Sich daran erinnert, wie die eigene Stimme klingt. Sich daran erinnert, dass am anderen Ende immer auch nur ein Mensch ist. Das wäre übrigens nicht nur der Begrüßungs-, sondern auch der Abschiedsspruch der Hotline-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen: Dann viel Erfolg beim Telefonieren! Und vergessen Sie nicht, am anderen Ende ist immer auch nur ein Mensch! Ja, danke, würde man sagen, genau, haha. Die Hotline-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen würden einem in dem Moment ein wenig leid tun. Den ganzen Tag telefonieren! Nicht auszudenken.

Montag, 18. September 2017

Vielleicht

sollte ich doch Drehbuchautorin werden. Der Bildergalerie zufolge entspricht vor allem das Aufgabenfeld "Im Besprechungsraum recherchieren" voll und ganz meinen Kenntnissen und Fähigkeiten. Ebenso attraktiv erscheint mir die Tätigkeit "Ideen zu Inhalt, Handlung und Figuren sammeln". Und sehe ich mir die berufliche Herausforderung "Zusammenfassung der Geschichte notieren" einmal genauer an, so kann ich nur konstatieren: Ja, genau so möchte ich meinen Arbeitsalltag gestalten!

Donnerstag, 14. September 2017

Das Mädchen

Das Mädchen sitzt auf dem Boden und weint. Ich nehme die Kopfhörerstöpsel aus dem Ohr, beuge mich runter. Ist alles in Ordnung?, frage ich. Ich kann nicht laufen, sagt sie. Doch, bestimmt kannst du das, sage ich. Nimm mal meine Hand. Ich reiche sie ihr. Sie nimmt sie. Und rappelt sich auf. Meine Hand ist ganz dreckig, sagt sie. Das ist nicht schlimm, sage ich. Wir gehen nebeneinander her, in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Aber kalt ist deine Hand, sage ich. Ein paar Meter weiter steht ein Mann, der uns entgegenlächelt. Gehört ihr zusammen?, frage ich. Ja, sagt er. Ja ne, sage ich, es soll so klingen wie: Sieht man auch. Da hat das Mädchen meine Hand schon losgelassen. Und ich wende mich ab und geh weiter meines Wegs. Mit den Stöpseln wieder im Ohr. Und ein bisschen Herzklopfen. Hätte ja sein können, das Mädchen fängt noch doller an zu weinen, wenn ich es anspreche. Hätt ja sein können, der Mann und das Mädchen, Vater und Tochter, haben da gerade einen Konflikt zu klären, in den sich niemand einmischen soll. Eine Sache, die nur die beiden etwas angeht. Aber mir ist der Blogeintrag von aufZehenspitzen so in Erinnerung geblieben. „Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern“, hat sie da geschrieben. „Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte?“ Ignorant, unlustig, unwissend, das bin ich alles schon längst nicht mehr. Und ja, auch der Spruch von dem Dorf, das man braucht, um ein Kind und so weiter, fällt mir ein. Und Berlin, Berlin ist ja im Grunde auch nur ein Dorf, denke ich.

Mittwoch, 16. August 2017

Deutscher Buchpreis – die Longlist

„Da ist der Vater, Sven, der auch mithilfe von Drogen nicht recht über die Scheidung hinwegkommt, und da ist seine Neue, die alle nur The Dudess nennen, eine, die die Dinge in die Hand nimmt und aufräumt in Svens Leben. Und da ist Melanie, Vevs Mutter, die zu Nathan und seinen beiden Söhnen zieht, aber auch in ihrer neuen Familie nicht den richtigen Platz findet.“
_
„Was ist zu tun, wenn man von allem endgültig genug hat, die Therapeutin aber dennoch Vorsätze für das neue Jahr hören möchte? Franka Stremmer, Anfang vierzig, rafft sich zu einem letzten Kraftakt auf: Zwölf Männer in zwölf Monaten!“
_
„Ruth Zacharias reist nach Berlin. Dort will die Gastdozentin, Dokumentarfilmerin und Essayistin die Vernissage ihres früheren Studenten Mirko Sonntag besuchen.“
_
„Ricarda Kraft, Rhetorikprofessorin in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus ihrer Misere gefunden. Ihre alte Weggefährtin Isabel, Professorin an der Stanford University, lädt sie zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein.“
_
„Matuschka ist vierzig, als ihr Vater stirbt, mit der sie sich das Haus teilte. Ohne seine Fürsorge weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Einen Mann hat sie nicht und von dort, wo sie wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschka ist eine, die bleibt, Bewohnerin des Hinterlands, einer von anderen längst aufgegebenen Welt.“
_
„Als die deutsche Frankenstein-Expertin Jana Krippen auf dem Campus ihrer neuen Londoner Universität umherirrt, hilft ihr der junge Stammzellenforscher Moe sich zu orientieren. Die Begegnung wirkt zufällig, tatsächlich hat er diese bewusst provoziert. Kurz darauf führt Moe ein Wiedersehen herbei, um eine Affäre mit der deutlich älteren Frau zu beginnen.“
_
Klingt eigentlich alles voll interessant. Nicht.

Dienstag, 25. Juli 2017

Sexismus stirbt nicht

Ich habe über Facebook davon mitbekommen. Unglücklicherweise sah ich, kurz nachdem ich auf den Link zu den Beiträgen im Merkur (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4) geklickt hatte, den Post eines Facebook-Friends, der zusammenhanglos fragte, ob denn der alte Holzmichel noch lebe, weswegen sich die Debatte zum Sexismus an Schreibschulen nun in meinem Kopf für immer mit folgendem Refrain verbunden hat: Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch, jaaa, er lebt noch, er lebt noch, stirbt nicht. 
Danach gefragt, welche Erfahrungen ich als Jungautorin a.D. denn mit Sexismus im Literaturbetrieb gemacht habe, könnte ich davon berichten, wie ich einst auf Einladung des Goethe-Instituts zusammen mit einer Delegation deutscher Schriftsteller_innen nach Riga reiste und eine Abends, auf dem Weg von da nach dort, begleitet von ein paar Letten, die offenbar auch nichts Genaueres wussten, als dass es gerade von da nach dort ging, gefragt wurde: So, you are the writer’s girlfriend?
Und ich sagte: No, I am the writer.
Dass ich mich jetzt ärgere, daran nicht festgehalten zu haben – an der Überzeugung, meinetwegen dem Glauben, ein writer zu sein – und mir stattdessen jahrelang erzählt habe, ich wisse nicht so recht, ob ich überhaupt noch schreiben wolle, wo was und wie, steht auf einem anderen Blatt.
Ob ich an die große Liebe glaube?
Ob ich einmal heiraten möchte?
Ob ich Kinder haben will?
Alles Fragen, die mir als Jungautorin in Interviews gestellt wurden.
Aber ich war ja dankbar, dass ich Interviews geben durfte.
Jaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch.
Wie sehr mich das nervt. Aber ich kann den Ohrwurm (wahlweise: den Sexismus) nicht einfach abstellen. 
Vor ein paar Jahren noch hätte ich die aktuelle Debatte intensiv verfolgt. Jetzt habe nur die Beiträge von Anke Stelling, Martina Hefter, Stefan Mesch und Katy Derbyshire gelesen, allesamt empfehlenswert. Ich weiß, dass diskutiert wird, weiß, dass das wichtig ist. Gleichzeitig werde ich müde, wenn ich überhaupt nur daran denke. So müde, dass mir die Tränen kommen beim Gähnen. So müde, dass ich in der Sekunde einschlafen könnte, wie es M. neulich passiert ist, als J. ihr etwas erzählte, was sie nicht hören wollte, und sie aber auch nicht einfach weggehen konnte. (Auch ein Ohrwurm: We fade to grey.)

Mittwoch, 12. Juli 2017

Später

Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Eis gegessen. Vanille, Pistazie, Stracciatella, ist das auch für Kinder, hat L. mich heute gefragt, und ich habe Ja gesagt, und er hat es probiert, Stracciatella, obwohl er sonst immer nur Himmelblau nimmt, dieses Schlumpfeis mit bunten Streuseln. Ich habe vergessen zu fragen, wie es ihm geschmeckt hat. Aber ich glaube, gut.
Später werden wir sagen, wir haben trotzdem Geburtstage gefeiert. Denn ein paar Sonnenstunden gab es, doch, wir werden uns erinnern. An die Würstchen auf dem Grill, die Girlanden im Garten, das Bier in unserer Hand und das Geburtstagskind, das schon ein bisschen besser als letztes Jahr, aber immer noch nicht ganz verstanden hat, was eigentlich das Besondere an diesem Tag ist. Dafür verstehen wir es ja, wissen es ganz genau und werden es nie vergessen: Da bist du auf die Welt gekommen. Ja, du. Ja, diese Welt. Stell dir das mal vor.
Später werden wir sagen, ich vermisse dieses Geräusch. Das leise, beständige Rauschen, etwas daran hat uns beruhigt. Wir konnten so gut dazu einschlafen, und wenn wir wach waren, hat es uns eigentlich auch nicht gestört. Später werden wir sagen, aber ein bisschen merkwürdig war das schon. Wie tief die Pfützen waren. Wie trüb die Blicke der Passanten. Und wie die Erdbeeren auf dem Balkon ersoffen sind, das war schade.